Pfarrei Hildegundis von Meer

Meerbusch

Alte Menschen als Prophetinnen und Propheten?

Symbol-strickende-Haende (c) Pixabay.com
Symbol-strickende-Haende
Mo 2. Sep 2019
Irmgard Bromkamp

Gibt es eigentlich heute noch Prophetinnen und Propheten und sind Sie ihnen schon mal begegnet? Oder gab es sie nur vor tausenden von Jahren im Alten Testament, Jesaja, Debora, Jeremia, Mirjam und viele andere? Die biblischen Prophetinnen und Propheten waren Störfaktoren: In einer Welt, in der sich die Menschen ihre eigenen Götter erschufen, übten sie Gesellschaftskritik: Sie zeigten u.a. Fehlentwicklungen auf und appellierten an die Einsicht und Verantwortung der Einzelnen, ihr Verhalten zu ändern. Sie konfrontierten die Menschen mit unbequemen Wahrheiten. Sie waren Boten Gottes und ließen sich das Reden nicht verbieten. Ähnlich wie heute junge Menschen, die für „Fridays for future“ auf die Straße gehen und so manches laut sagen, dass so manche nicht gerne hören möchten.

Für mich sind auch alte Menschen solche Prophetinnen und Propheten mit eigenen Botschaften. Die Welt, in der wir leben, ist bestimmt vom Ideal einer unbegrenzten Jugendlichkeit. Gesundheit, Schönheit, Schnelligkeit, Leistungsfähigkeit, Erfolg und Flexibilität besitzen einen hohen Wert. Menschen, die nicht mithalten können (oder wollen), vielleicht, weil sie mit Einschränkungen leben, vielleicht, weil sie andere Werte als die gerade genannten haben, gelten schnell als Störfaktoren. Das Alter, besonders seine letzte Lebensphase, gehört zu diesen Störfaktoren. Das Alter, das eben auch die Grenzen des Lebens aufzeigen kann, (wie Hilfsbedürftigkeit, Gebrechlichkeit, Endlichkeit, Einsamkeit und Sterblichkeit) gehört zum Leben. Man möchte ihm gerne aus dem Weg gehen, aber es lässt sich nicht verdrängen.

Bei der Botschaft, die uns alte Menschen sagen, geht es – wie bei der Botschaft der Prophetinnen und Propheten in der Bibel – um das Ganze. Zum Menschsein gehören nicht nur Gesundheit, Attraktivität und Flexibilität, sondern auch Krankheit, Gebrochenheit und das Verwiesen-sein auf andere. Alte Menschen haben nicht nur eine Botschaft, sondern sie er-leben sie auch. Dies begegnet mir häufig in der Altenheimseelsorge: Ein älterer Mann, der früher viel Verantwortung in seinem Beruf hatte, sagte mir letztens: „Natürlich wäre ich am liebsten gestorben, als nach der großen Operation klar war, dass ich vielleicht nur noch meine Arme bewegen kann. Aber wissen Sie, heute einige Jahre danach, nehme ich viel mehr und anders wahr, da war früher bei all der Hektik kein Denken dran. Mein Leben hat eine größere Bandbreite bekommen.“ Solche Begegnungen  machen nachdenklich und können  helfen, eigene Vorstellungen und Werte zu reflektieren. Ein Leben ohne Einschränkungen und Grenzerfahrungen lässt sich „leichter leben“, ein Leben mit Grenzerfahrungen ist letztlich tiefer und bleibt lebenswert, für den einzelnen Menschen, für die Gesellschaft und  für die Kirche. Ich glaube, dass es auch heute noch Prophetinnen und Propheten gibt und ich wünsche Ihnen und mir, dass wir ihnen begegnen.

Irmgard Bromkamp,
Gemeindereferentin